Wenn die Nacht zum Tag wird

Wenn die Nacht zum Tag wird

Wie du vielleicht schon gelesen hast, wollten wir an unserem ersten Tag in Italien direkt voll durchstarten und eine Route abhaken, die wir im vergangenen Jahr zeitlich leider nicht geschafft hatten.

Unser Ziel war also, die Route bis zum bitteren Ende zu klettern und ein Abseilen kam somit für uns nicht in Frage.

Dieses Mal sollte es also etwas werden!

Leider gab es aber bei uns einige kleinere Probleme, die sich während des Ausstiegs negativ auf den Ausflug auswirkten. Die erste Herausforderung bestand schon einmal darin, dass ich bisher immer nur als Nachsteiger unterwegs war und wir es bei dieser Route auch dabei belassen wollten. Dadurch sind wir etwas langsamer als andere Seilschaften vorangekommen. Das Einholen unseres 70 m Seils verbesserte auch nicht wirklich unsere Situation, da es einfach Zeit und Kraft in Anspruch genommen hatte. Hinzu kam, dass die Route an einigen Stellen noch nass vom letzten Regen war, wodurch René oft versuchte die Route hier und da etwas besser abzusichern, was wiederum Zeit kostete. Wie üblich bei uns beiden, gab es dann auch ein kleines Problemchen bei der Routenfindung, wodurch wir mal eben zwei Seillängen der Nachbarroute einbauten, um dann wieder zurück zu queren. 

Als für uns etwas überraschend die Dämmerung einsetzte und wir in diesem Moment erst bemerkten, dass wir keine Lampe dabei hatten und nicht genau wussten, wie weit es eigentlich noch ist, war die Zeit für eine kleine Pause gekommen. Und so richteten wir es uns gemütlich neben einem kleinen Bäumchen am Fels ein.

Als wir dort nun an unserem Bäumchen saßen, kamen wir zu dem Schluss, dass wir zum ersten (und hoffentlich letzen) Mal in unserem Leben die Bergwacht rufen müssten. Ja, es war nicht schön, aber doch nötig. Es wäre verwerflich gewesen einfach weiter ins Nichts zu klettern, denn es wurde schlagartig stockdunkel und ziemlich kalt.

Es war richtig unangenehm dort zu sitzen und nicht zu wissen, wann und von wo die Bergretter zu uns stoßen werden. René war eigentlich über die Zeit hinweg eher ruhig gewesen, auch wenn er sich hin und wieder etwas über die Gesamtsituation ärgerte. Es gab aber auch die Momente, in denen er versuchte die Situation mit Humor zu nehmen – was auch gekonnt sein muss. Ich habe hingegen ab und an einfach ein paar Lieder geträllert, um nicht an das Schlimmste denken zu müssen, wie: “Was tun, wenn sie uns nicht finden und dann wieder wegfahren?”, “Was, wenn sie uns gar nicht richtig verstanden haben und ganz woanders hinfahren?”, “Was, wenn der Baum unserem Gewicht nicht mehr standhält?” – Genau René, was ist dann eigentlich?! Ich konnte mich aber leider nicht so sehr zusammenreißen, wie ich es mir gewünscht hätte.

Schlussendlich war es doch unser Glück, dass wir ein Telefon mit halbwegs vollem Akku dabei hatten, mit dem wir die 112 erreichen konnten. Nach mehreren Gesprächen auf englisch und mit Hilfe eines zusätzlichen italienischen Dolmetschers, konnte wir aber glücklicherweise die richtige Position an die Bergwacht weitergeben. Nachdem wir dann ein bis zwei Stunden im Baum saßen, erreichte die Bergwacht den Parkplatz und wies uns an, mit dem Handy Lichtsignale abzugeben, damit sie erkennen konnten, wo wir uns eigentlich genau befanden.

Nach dem uns dann endlich die Bergwacht entdeckt hatte, wurde scheinbar in Santa Massenza ein Scheinwerfer des Fußballplatzes umfunktioniert und so saßen wir nun im Scheinwerferlicht mitten in der Nacht auf einem kleinen Bäumchen am Felsen. Und die Nacht wurde zum Tag.

Nach weiteren zwei Stunden erreichten zwei Bergretter über den Abstieg das Ende der Route, wodurch sie die Möglichkeit hatten, sich zu uns abseilen zu können. Wenig später stand einer der beiden neben uns.

Da wir nur leicht ausgekühlt und ansonsten fit und munter waren, mussten wir die letzte Seillänge im Nachstieg hinauf klettern. Erst in diesem Moment bemerkten wir, dass wir eigentlich fast am Ende der Route gewesen waren.

Die beiden italienischen Bergretter waren trotzdem sehr nett zu uns und wir waren sowas von froh, dass sie uns auch auf dem Weg nach unten begleitet hatten. Der Rückweg ins Tal war nämlich auch nicht ohne und dauerte noch einmal über eine Stunde, da wir auch zu viert den Weg im Dunkeln nicht so schnell gefunden hatten.

Für die Zukunft wünschen ich mir, dass wir uns im richtigen Augenblick für das Richtige entscheiden. Wenn wir zwischen zwei Möglichkeiten wählen müssen, sollten wir uns definitiv für die sicherere Methode entscheiden. Außerdem steht bei uns nun immer eine Stirnlampe und zusätzliche warme Kleidung auf der Checkliste, bei der dann auch am besten volle Batterien eingesetzt sind.



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