Klettern am Gardasee – Wenn die Nacht zum Tag wird

Wie ihr vielleicht schon in meinem Artikel Klettern am Gardasee gelesen habt, waren wir wieder einmal in Italien zum Klettern unterwegs. Wir wollten an unserem ersten Tag voll durchstarten und eine Route hochkraxeln, die wir im vergangenen Jahr leider zeitlich nicht mehr geschafft hatten.

Nach unserer Ankunft am Parkplatz stärkten wir uns kurz, bevor wir uns auf zum Zustieg machten. Wir waren ziemlich motiviert am Morgen, sodass wir uns eilig an die Route machen wollten. Die ersten Seillängen der Route Gran Diedro waren ziemlich fordernd. Wir gingen davon aus, dass wir uns nur ein bisschen mit den Verhältnissen an der Wand vertraut machen müssten. Sobald uns das gelinge, würden uns die noch folgenden Seillängen leichter fallen.

Der Wettlauf mit der Zeit

Manchmal verlaufen die Dinge aber einfach nicht so, wie man sie sich vorstellt. So kamen bei dieser Route schlussendlich mehrere Faktoren zusammen, die das Voranschreiten deutlich erschwerten.

Zunächst ließen da bereits nach ein paar Seillängen meine Kräfte etwas nach, wodurch wir uns natürlich langsamer fortbewegten. Zudem klettere ich draußen nur im Nachstieg, sodass wir nach jeder Seillänge das 70 Meter lange Seil immer wieder einholen mussten.

Außerdem war die Route an einigen Stellen noch nass vom letzten Regen. René versuchte deswegen die Route hier und da etwas besser abzusichern, was weitere Zeit in Anspruch nahm. Wie üblich bei uns beiden, gab es dann auch kleinere Probleme bei der Routenfindung, wodurch wir mal eben zwei Seillängen der Nachbarroute einbauten, um dann nur wieder zur richtigen Route zurück zu queren. Zusammenfassend kann man sagen, dass wir große Zeitprobleme bekamen und uns aus diesem Grund irgendwann fragen mussten, ob wir es überhaupt noch schaffen im Hellen oben anzukommen.

Und dann wurde es dunkel

Während des Kletterns und des Abwägens, wie wir weiter vorgehen sollen, setzte auch noch die Dämmerung ein. In dem Moment stellten wir fest, dass wir nicht einmal eine Lampe dabei hatten. Daneben konnten wir auch nicht gut einschätzen, wie weit es noch bis zum Routenende ist.

Es war Irrsinn bei so schlechten Sichtverhältnissen weiter zu klettern. Also entschieden wir uns einen halbwegs angenehmen Standplatz an der Felswand, hoch über dem Tal von Santa Massenza, zu bauen. Dafür nutzten wir mitunter einen größeren Baum, der aus der Felswand herausgewachsen war.

So saßen wir die nächsten Stunden erstmal an diesem Bäumchen fest. Nachdem wir die Bergwacht angerufen hatten, hieß es für uns weiter warten.

Es war wirklich unangenehm dort zu sitzen und nicht zu wissen, wann genau und von wo die Bergretter zu uns stoßen werden. Wir gaben dem italienischen Dolmetscher und weiteren Personen auf Englisch am Telefon unsere Position durch und konnten nur hoffen, dass man uns irgendwann findet. Man sagte uns am Telefon, wir sollten Ausschau halten und mit irgendetwas leuchten, sodass man uns in der Dunkelheit besser erkennen konnte. Gedanken, wie: “Was tun, wenn sie uns nicht finden und dann wieder wegfahren?”, “Was, wenn sie uns gar nicht richtig verstanden haben und ganz woanders hinfahren?”, “Was, wenn der Baum unserem Gewicht nicht mehr standhält?” gingen uns immer wieder durch den Kopf. Es war unterm Strich alles ziemlich beunruhigend und unschön. Trotzdem sang ich hin und wieder ein paar Lieder, um mich etwas zu entspannen. Ruhe bewahren ist in solchen Situationen wohl das A und O.

Rettung durch die Bergwacht

Nachdem wir ungefähr zwei Stunden im Baum saßen, erreichte die Bergwacht im Tal unseren Parkplatz und wies uns von dort telefonisch an, mit dem Handy Lichtsignale zu geben, damit sie erkennen konnten, wo wir uns genau befanden.

Die Bergwacht entdeckte uns schließlich und baute dann augenscheinlich einen Scheinwerfer eines nahegelegenen Fußballplatzes in Santa Massenza um und benutzte diesen, um uns für die Rettung von oben zu beleuchten. Die gesamte Felswand war hell erleuchtet, sodass für uns und die Anwohner Santa Massenzas die Nacht zum Tag wurde.

Nach weiteren ein bis zwei Stunden erreichten zwei Bergretter über den Abstieg das Ende der Route, von wo aus sie sich zu uns abseilten. Wenig später stand schon einer der beiden neben uns.

Da wir nach der langen Pause am Baum wieder relativ fit und immer noch munter waren, sind wir die letzte Seillänge im Nachstieg hinauf geklettert. Erst in diesem Moment bemerkten wir, dass wir eigentlich fast am Ende der Route gewesen waren.

Die beiden italienischen Bergretter waren trotz der Umstände sehr nett zu uns. Der Rückweg ins Tal im Dunkeln war übrigens auch nicht ohne und dauerte noch einmal über eine Stunde, denn obwohl wir nun zu viert und mit Stirnlampe unterwegs waren, erkannten wir nicht immer sofort den Pfad.

Fazit

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir uns im richtigen Augenblick für das Richtige entscheiden. Wenn wir zwischen zwei Möglichkeiten wählen müssen, sollten wir uns auf jeden Fall für die sicherere Option entscheiden. Außerdem steht bei uns nun immer eine Stirnlampe und zusätzliche warme Kleidung auf der Checkliste für Wanderungen und Klettertouren im Freien. Wir wollen so ein Abenteuer einfach nicht noch einmal mitmachen.

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